Bevor ich zum Sandmann kommen kann, muss ich ein paar Worte über E.T.A. Hoffmann verlieren. Er war ein Tausendsassa, aber anders als viele solcher Leute mit mehreren Talenten, war er sowohl als Schriftsteller als auch als Musikkritiker und auch als unbequemer Jurist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Jemand, die in vielen Ländern hochgeachtet wurde und viele Berühmtheiten beeinflusste. So verehrten Baudelaire, Balzac, Kafka, Dostojewski und Edgar Allan Poe seine Werke. Tschaikowski widmete Hoffmanns Geschichte, Der Nussknacker, ein Ballett und Offenbach eine Oper, die er Hoffmanns Erzählungen nannte. Er war definitiv ein Kritiker und seiner Zeit (1776-1822) weit voraus, was ihn immer wieder in Schwierigkeiten brachte.
Der Sandmann ist eine schaurige Geschichte, über die Liebe des jungen Nathanael zu einem Automaten. Eine mechanische Frau, die ihn völlig in ihren Bann zieht. Von dem Alchimisten Coppelius, den der Protagonist in dem Wetterglashändler Coppola wiederzuerkennen glaubt, scheint er wie verhext. Seine Verlobte Clara kann Nathanael mit ihrem nüchternen Verstand jedoch wieder beruhigen. Er fleht sie um Verzeihung an und endlich wollen beide heiraten. Bei einem Spaziergang gehen Sie hoch auf den Rathausturm. Dort blickt Nathanael durch das Fernglas, das Coppola ihm verkauft hat und erliegt wieder seinen Wahnvorstellungen. Er versucht Clara vom Turm zu schmeißen, und meint, den feixenden Coppola in der Menge der Schaulustigen zu erkennen. Und dann passiert es, …
Falls Sie den Sandmann nicht kennen, werde ich hier keinen Spoiler präsentieren. Ich hatte die Geschichte vor langer Zeit einmal gelesen. Sie ist im Stil von Edgar Allan Poes Werken geschrieben, der selbst von Hoffmann inspiriert wurde. Düster und gruselig erscheinen die Werke einem. Daher ist diese Graphic Novel so spannend, denn sie ist ähnlich schaurig von Vitali Konstantinov gezeichnet. Er verwendet hauptsächlich Schwarz und Rot und sehr sparsam Blau. Das tut seine Wirkung auf die adaptierte Erzählung. Mehr loben kann man das Buch nicht, denn es ist einfach eine tolle Story und wurde ganz fantastisch als Graphic Novel umgesetzt. So toll, dass ich persönlich mir mehr E.T.A. Hoffmanns Geschichten als Cartoon/Graphic Novel von Herrn Konstantinov wünsche.
Vitali Konstantinov, 1963 geboren bei Odessa, Ukraine, studierte Kunst und Architektur in Russland, Grafik, Malerei und Byzantinische Kunstgeschichte in Deutschland. Er unterrichtete Buchillustration u. a. an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Seine Bücher erhielten zahlreiche Preise, u. a. die Auszeichnung »Schönstes deutsches Buch« von der Stiftung Buchkunst für Seltsame Seiten. Informationen zu Vitali Konstantinov finden Sie unter: www.vitali-konstantinov.de
E.T.A. Hoffmann schrieb als junger Mann einem Freund den folgenden Satz:
„Die Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker, sonntags am Tage wird gezeichnet und abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht.“
Das sagt bereits viel über den Autor aus. Hochbegabt auf vielen Gebieten, beeinflusste er Künstler in ganz Europa. Und seine Geschichte, Der Sandmann, war wie viele seiner Werke eine Kritik an der Gesellschaft. Die überzogene Romantik, der Okkultismus und auch die Angst vor Neuerungen (Automaten), die das achtzehnte Jahrhundert prägte, wird hier offensichtlich gerügt. Hoffmann stellt sogar eine Frau, die Verlobte Clara, als das Instrument der Vernunft und Nüchternheit dem Wahn verfallenen Nathanael gegenüber. Etwas, das aus damaliger Sicht ein Unding war.
Mit seinen Zeichnungen drückt Vitalis Konstantinov genau diese Gedanken aus. Er erschafft Coppola, wie man ihn sich vorgestellt hat, als beängstigenden Mythos, der fast einer venezianischen Pestmaske ähnelt und dementsprechend schaurig ist. Auch hat mir besonders gut die Umsetzung des Epilogs gefallen, genau wie die letzte Zeichnung zu Ehren des Autors und Illustrators.
Wenn Ihnen, so wie mir, Graphic Novels am Herzen liegen, dann ist Der Sandmann genau das Richtige!
Werbetext Knesebeck: E. T. A. Hoffmanns schaurige Erzählung meisterhaft umgesetzt als Graphic Novel
Nathanael hat als Kind seinen Vater verloren. Die Schuld dafür gibt er dem Alchimisten Coppelius, den er in dem Glashändler der Stadt wiederzuerkennen glaubt. Immer besessener steigert er sich in seine Fantasien hinein. Obwohl er sie liebt, verlässt er seine Jugendliebe Clara und wendet sich Olimpia, der Tochter seines Professors zu – die sich schließlich als Automat entpuppt. Gezeichnet von seinem Irrtum, versucht Nathanael, sich und Clara vom Turm der Stadtkirche zu stürzen. Vitali Konstantinov adaptiert in seinem feinen und linearen Stil gekonnt die düstere Erzählung Der Sandmann von E. T. A. Hoffmann als Graphic Novel.
Graphic Novel: Der Sandmann nach E.T.A Hoffmann, Vitali Konstantinov Knesebeck Verlag, gebundenes Buch und dreifarbig illustriert, Seiten 47, ISBN 978-3-95728-181-4, 22,00 Euro, erschienen aus dem Jahr 2019.


Erst kürzlich sagte ich zu meinem besten Freund, den ich jetzt seit 46 Jahren kenne: »Du, der Bruce Willis hat genau die gleiche Krankheit wie du.« Worauf er mir antwortet. »Och, ja, der im Stirb-langsam-Film«, kommt dann von ihm. Er erinnert sich an Bruce Willis und den Film, auch wenn seine Aussprache schwer zu verstehen ist. Er weiß auch, wer ich bin, und ich kenne ihn gut genug, um zu verstehen, was er meint. Denn mein bester Freund hat seit etwa vier Jahren die Diagnose: Frontotemporale Demenz. Leider war er fast zehn Jahre jünger als Bruce Willis, der mit 67 Jahren an FTD erkrankte.
Tom Saller hat einen sehr warmen Stil, eine Geschichte zu schreiben. Er ist als Autor neutral, weckt aber in seinem Roman ›Und Hedi springt‹ tiefe Gefühle beim Leser. Vor allem bei einer Frau wie mir, die in den Sechzigern geboren wurde, und die als emanzipierte Frau durchs Leben gehen durfte. Jedoch wurde ich von meiner Großmutter erzogen, die nur unmerklich älter war als Hedi. Von ihr weiß ich, wie alleinstehende Mütter, Menschen mit anderer Hautfarbe und sexuellen Präferenzen von der Gesellschaft und besonders den Männern dieser Zeit unterjocht wurden. Und die junge Hedi, ein Flüchtlingsmädchen, die Kriegsende alle Menschen verloren hat, lässt sich auf einen jungen Burschen ein. Hans schwängert sie und haut ab. Sich alleine durchzuschlagen, gleicht einer Sisyphus-Arbeit. Denn die bigotte Moral, die noch aus Nazi-Zeiten nachwirkte, die Religion und vor allem der Egoismus, wenn es um das letzte Stück Brot geht, helfen Hedi nicht. Es sind die Ausgegrenzten, mit denen Hedi sich ein Leben aufbaut, mit denen sie Liebe und Wärme erfährt und so ihren Sohn Sigi großzieht. Doch immer wenn man glaubt, es geschafft zu haben, dreht sich das Rad des Lebens weiter. Plötzlich steht Hans, der Vater ihres Sohnes, wieder vor der Tür und führt sich auf, als hätte er Rechte.
„Der Rache Glanz“ von Maud Ventura ist für mich ein literarisches Erlebnis, das noch lange nachhallt. Schon auf den ersten Seiten spürt man, mit welcher Sorgfalt und Intensität Ventura ihre Figuren zeichnet – sie sind vielschichtig, verletzlich und voller Widersprüche, genauso wie wir Menschen eben sind. Besonders beeindruckend finde ich, wie die Autorin es schafft, den Leser durch die emotionalen Untiefen ihrer Protagonistin Cleo zu führen. Jede Seite offenbart neue Facetten von Sehnsucht, Schmerz und der unbändigen Lust auf Vergeltung.
Carnivora – Fleischfresser – allein das Bild auf dem Umschlag, eine halbe Seite Kuhkopf, eine halbe Seite Menschenkopf lässt schon erahnen: Hier geht es um ein brisantes Thema der Zukunft.
„Kochen ohne Grenzen“ von Oz Ben David und Jalil Dabit ist weit mehr als ein gewöhnliches Kochbuch. Es ist ein leidenschaftlicher Appell für kulturelle Offenheit, kulinarische Neugier und das Überwinden von Grenzen – ob sie nun auf Landkarten existieren oder in den Köpfen der Menschen. Die beiden Autoren, die jeweils israelische und palästinensische Wurzeln haben, verbinden in diesem Werk ihre persönlichen Geschichten mit einer Vielfalt an Rezepten aus dem Nahen Osten und der Mittelmeerregion. Sie besitzen ein gemeinsames Restaurant, das allein schon durch ihre Offenheit und Freundlichkeit, für alle Personen da zu sein, ein besonderer Treffpunkt ist. Ob es die LGBTIQ*-Gemeinde ist oder der Hetero-Bürger, alle fühlen sich hier wohl. Essen verbindet über alle Grenzen und Ressentiments hinaus, auch wenn ein unsäglicher Krieg zwischen Israel und Palästina wütet. Hier sind es alles Freunde. Essen verbindet. Von sich selbst sagen die beiden: Für uns geht es nur darum, gutes Essen zuzubereiten und Gastgeber mit vollem Herzen zu sein.